Vom Arbeiten und Freisein 13. Juli 2018 – Kategorien: Karins Blog, News

Ich stehe an der Kasse eines Selbstbedienungs-Restaurants. Meinen knapp zweijährigen Jungen trage ich links im Arm, mit der rechten Hand schiebe ich den Tablettwagen mit unserem Mittagessen vor uns her. Genau in diesem Moment hüpft meine dreijährige Tochter von einem Bein aufs andere und schreit: «Mamma! Ich muss Pippi! Sofort!» Das sind die Momente, in denen von der Mutter schnelle Entscheidungen und rasches Handeln gefragt sind.

Wäre ich ein Arbeitgeber, ich würde vor allem Mütter einstellen. Die sind liebevoll, fürsorglich und verantwortungsbewusst, würden mir schon alleine dafür danken, ohne Begleitung aufs Klo gehen und in Ruhe ihre Pausen geniessen zu dürfen, wären superglücklich, für ihre Arbeit sogar noch Lohn ausbezahlt zu bekommen, und sind wahre Organisationstalente und stressresistent. Und eben: Geübt in schnellem Denken und Handeln.

Wie war das eigentlich, als ich vor meinem Muttersein nur für mich alleine verantwortlich war und Tag für Tag zur Arbeit ging? In weiter Ferne sehe ich mich am Bürotisch sitzen. Angefangen um halb acht, Tür schliessen und ab in den Feierabend um halb sechs. Als frischgebackene Mutter hatte ich diese Zeit als sehr «frei» in Erinnerung, trauerte ihr manchmal sogar nach und fühlte mich in meiner neuen Rolle in meiner Bewegungs- und Handlungsfreiheit eingeschränkt.

Ich gehöre wohl den Müttern an, bei denen es etwas länger dauert, bis sie sich in dieser neuen Welt, im neuen Alltag, in der neuen Rolle eingelebt haben. Und diese Zeit des Übergangs in mein neues Leben war der Pubertät nicht ganz unähnlich. Mit all den herumwirbelnden Hormonen, Ängsten, dem Frust und der Unsicherheit. Wie bin ich eigentlich als Mutter? Muss ich jetzt immer mit dieser geduldigen, verständnisvollen Stimme sprechen? Wie sieht es mit Streiten aus, mit den Konflikten mit meinem Partner? Dürfen die Kinder das mitbekommen? Darf ich überhaupt noch fluchen und laut werden, wenn mir etwas nicht passt? Worauf muss ich verzichten, um meine Vorbildfunktion einhalten zu können? Habe ich meine Süssigkeiten nun heimlich zu essen, um meine Kinder nicht ständig in Versuchung zu bringen? Darf ich überhaupt noch mich selbst sein?

Ich erinnere mich an die Phase der ersten Schwangerschaft. Wie ich Müttern mit ihren Kindern auf der Strasse begegnete und sie anlächelte, während ich liebevoll über meinen Bauch streichelte. So wie unter Motorradfahrern, die einander zuwinken, wenn sie sich kreuzen. Ich bin überzeugt, dass so manche Mutter in diesem Moment dachte: «Du hast keine Ahnung, was da alles auf dich zukommt, BABY!» Da hatten sie aber sowas von recht. Heute denken die Eltern mit pubertierenden Kindern wohl dasselbe, wenn ich über Schlafmangel klage.

Mammawerden hat nicht nur mit der Schwangerschaft und der Geburt eines Kindes zu tun. Das ist erst der Anfang. Eine Mamma sein, genau so wie man sich wohlfühlt und es für einen stimmt, das ist ein Prozess. Ein Weg, der nicht zu unterschätzen ist. Als Mutter bekommst du die Chance, dich nochmals ganz neu zu finden und kennenzulernen. Dich und deinen Alltag sowie deine Einstellung zum Leben neu zu kreieren. Auf einmal stehst du unter Beobachtung. Auf dem Präsentierteller. Bist exponiert und kannst dich nicht mehr verstecken. Du versuchst, deine Kinder, die weinend und schreiend auf dem Boden liegen, zu beruhigen und dabei deine Emotionen im Zaum zu halten. Gibst dir Mühe, sie zu ignorieren, all die Blicke, die Worte der Besserwisser. Und versuchst sie vielleicht zu unterdrücken, die Tränen der Machtlosigkeit oder Erschöpfung. Zur gleichen Zeit wird dir so vieles gesagt. Ratschläge, Tipps, Erfahrungen. Habt ihr Mütter schon einmal mitgezählt, wie oft ihr von fremden Menschen darauf hingewiesen werdet, dass ihr die wunderschöne Zeit mit den kleinen Menschlein so richtig geniessen sollt? Weil’s ja so schnell geht. Trotz meines intensiven Übergangs vom Individuum zum Muttertier: Ich glaube, sie haben recht.

Heute liebe ich meinen Alltag mit allen Auf und Abs. Denn ich habe gelernt, ganz viel Freiheit darin zu erkennen und mir auch meine Freiheiten herauszunehmen. Ich ziehe es vor, den Tag in Ruhe anzugehen, statt vom Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden und zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo zu sein. Der Tag startet ungekämmt und ungeschminkt im Schlafanzug, während die kleinen Menschlein ihre Milch trinken und ich meinen Kaffee geniessend zum Calanda hochsehe und an nichts zu denken habe. Der Tag, noch völlig unberührt, bietet Raum für alles Mögliche. Und am besten lässt «Frau» sich offen darauf ein, bleibt flexibel und lässt das Leben ohne Erwartungen passieren. Da ist kein Vorgesetzter, der Vorgaben macht. Kein Druck. Kaum Termine. So viel Ernsthaftigkeit darf verabschiedet werden. Das Leben ist voller Lachen, Gefühle, Kindlichkeit und Spontanität. Im Freien picknicken, mit Fingerfarben die Welt bunt bemalen, mit Sand und Wasser Burglandschaften bauen, Karussell fahren, Kissen werfen und mit nackten Füssen durch den Regen tanzen. Wir können alles und müssen nichts. Ich liebe meinen Job!

Könnte ich mir etwas aus der Arbeitswelt zurückwünschen, dann wären das die Mittagspausen. Statt für müde, hungrige und quengelnde Kinder zu kochen (die mir dann allenfalls noch sagen, dass das Essen nicht schmeckt), könnte ich einfach in Ruhe mein Essen geniessen (das ich im Übrigen sehr lecker finde). Ohne, dass Teller und Tassen fliegen. Ohne ständig aufzustehen, um nochmals Wasser, Nachschub, Putzlappen oder sonst etwas zu holen. Und dann, dann würde ich mir noch den Lohn zurückholen. Genau! Dass wir Mütter kein Geld für unsere wertvolle und bedeutsame Arbeit erhalten, ist mir ein Rätsel. Denn genau für diese Arbeit sollte man doch speziell entlöhnt werden. Inklusive Gratifikation, Spesen, 13. und 14. Monatslohn, mit ausbezahlten nicht bezogenen Ferien, Feiertags-, Wochenend- und Nachtzuschlag, Pikettentschädigung, dem Friedensnobelpreis und vielem mehr.

Trotzdem. Ich schiebe gerne einen vollbeladenen Buggy vor mich her (der an manchen Tagen Platz für den fast kompletten Haushalt bietet!) und schaue den Kindern dabei zu, wie sie jauchzend durch Pfützen hüpfen und den Moment auskosten. Ich freue mich darüber, wieder Flugzeuge und Helikopter am Himmel, alle Tiere und Baustellen wahrzunehmen, auch wenn ich einmal ohne Kinder unterwegs bin. Ich habe mich tatsächlich schon zurückhalten müssen, nicht mit dem Finger aufs Feld zu zeigen und Freunden zu sagen: «Da! Schaut! Kühe!» Was gibt es Schöneres, als nach getaner Arbeit – statt einer Bürotür zu schliessen – den schlafenden Kindern einen Gutenachtkuss zu geben, ihnen über die Köpfchen zu streicheln und zu wissen, dass es ihnen gut geht? Es ist ein unbezahlbares Gefühl, wenn die kleinen Wildfänge friedlich schlafen und ihre Gesichtchen wunderschönsten, kleinen Engeln gleichen, wenn Ruhe einkehrt, das Spielzimmer sich wieder in ein Wohnzimmer für Erwachsene zurückverwandelt, die letzte schmutzige Windel für heute in den Abfall geworfen und die kostbare Zeit für sich alleine bewusst geschätzt und genutzt wird. Sofern man nicht selbst bereits eingeschlafen ist.

Ich will den Mutterjob nicht schönreden, stehe genauso zu meinen verzweifelten, überforderten Momenten wie zu den dankbaren. Aber ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen. Gewisse Regeln auch einmal über Bord zu werfen und ganz viel Ernsthaftigkeit loszulassen. Ja, ich habe meinen Kindern diese Woche einen Lolli gekauft, damit ich den Heimweg nach einem etwas intensiveren Tag gut überstehe und meine restliche Energie nach Feierabend noch für mich nutzen kann. Ich darf frei wählen. In meiner Aufgabe und Rolle als Mutter. Die mir die wunderbare Möglichkeit bietet, mich auf eine Schaukel zu setzen und die Leichtigkeit des Moments zu fühlen, mein eigenes Kind wiederzuentdecken und zu lernen, mich nicht nur um die Kinder, sondern auch um mich selbst zu kümmern.